09.11. > 21.12.2018 

«gemessen»

 

   
   

 

Wilhelm Münger
Skulpturen

Sinus-Stele 1981
Nussbaumholz,
110 x 12 x 16 cm

Figürliches Polyeder
Kirschbaumholz
70 x 22 x 16 cm

 

       
 

Ruth Zähndler
Bilder

Relief #7, 2018
Aclyl, Pigmente, Pigmentschichtung a. LW
200 x 100 cm

Relief #7, 2018
Metall, Pigmente, Pigmentschichtung a. LW
50 x 50 cm

 

 

       
   

Zwei künstlerische Positionen treten in der Ausstellung «gemessen» in einen Dialog. Die eine Position ist der verstorbene Künstler Wilhelm Münger, dessen Skulptur Pylon am Dreiländereck im Rheinhafen den meisten Baslerinnen und Baslern ein Begriff ist. Seine Skulpturen sind Verräumlichungen von abstrakter, gedanklicher Mathematik. Die andere Position ist die der Basler Künstlerin Ruth Zähndler, welche Wilhelm Münger persönlich gekannt hat und die mit ihm in einem Austausch stand. So sind ihre hier gezeigten Arbeiten in Auseinandersetzung mit seinem Werk extra für die Ausstellung entstanden. Gleichsam als eine Umkehrbewegung lassen ihre Bilder durch Farbe und Form in der zweidimensionalen Fläche einen gedachten Raum entstehen. Der gemeinsame Nenner der präsentierten Werkgruppen der beiden Kunstschaffenden sind geometrische Figuren.


Am Beispiel der Arbeit Quattrophonie wird sichtbar, dass für Wilhelm Münger Mathematik und Geometrie der Schlüssel zum Kosmos sind. Zwischen den vier auf Sinuskurven beruhenden Stelen entwickeln sich ein Zusammenspiel und ein Klangraum. In der Musik finden sich mathematische Gesetzmässigkeiten nicht nur in den sinusförmigen Schallwellen, sondern auch die in unseren Ohren wohlklingenden Akkorde lassen sich in Zahlenverhältnissen ausdrücken. Mathematik begegnet uns in allen Bereichen der Natur und Kultur, sei es in den Blüten- oder Kristallformen, in der Symmetrie des menschlichen Gesichts, in der Struktur der Knochen, in den Bewegungen der Planeten oder in der Architektur. Mathematik war für Wilhelm Münger das Aufzeigen einer tiefverborgenen Ordnung unserer Welt, eine Möglichkeit, die Gesetzmässigkeiten und Rhythmen der Natur zu verstehen: Mathematik als Wesen des Realen. Dieses verborgene Wesentliche, diese mystische Verbindung zwischen der physischen Welt und der Mathematik, wollte er in seinen Skulpturen erfahrbar machen.


Die seinen Skulpturen zugrundeliegenden Kurven und geometrischen Formen hat er alle selbst berechnet und von Hand gezeichnet. Ihm war dieser Prozess der Transformation des Gedanklichen durch eine Handlung in etwas Körperliches sehr wichtig. Oder kurz ausgedrückt: die Einheit von Kopf und Hand, von der geistigen und der physischen Welt. Für seine Skulpturen hat er bewusst das Material Holz gewählt, weil es als ein organisch gewachsenes Element in seiner Struktur dem Menschen ähnelt. An der Bandsäge übertrug er mit einer kontemplativen Konzentration seine Zeichnungen in den dreidimensionalen Raum
.


Seine Skulpturen lassen sich nicht allein mit dem Konzept von Kunst als ein in seiner Form vollendetem Endprodukt begreifen. Sie sind vielmehr dem Konzept von Kunst als eine Form der Vermittlung, als eine Einladung zum Mitdenken, zugewandt. Wir als Betrachtende sind gefragt, die Bewegungen der Skulpturen im Raum weiterzudenken.


Ähnliches passiert in den Bildern von Ruth Zähndler mittels ihrer All-over-Struktur zum Beispiel im Bild Relief #7. Die Bewegung der offenen Netzstruktur aus Dreiecken, welche sich über die Leinwand spannt, fliesst weiter und scheint sich über den Bildrand fortzusetzen. Die ungleichschenkligen Dreiecke bilden ein Muster, welches die Oberfläche rhythmisiert. Ihre farblichen Kontraste lassen Raum entstehen: verschieden geformte Polyeder heben sich von der Bildfläche ab oder wölben sich nach innen – je nach Betrachtungsweise. Diese oszillierende Bewegung zwischen konvex und konkav scheint die Bildebene in Schwingung zu versetzen. Ausgangspunkt für diese Werke waren die Detailaufnahmen von zwei Portalen an einem Wohn- und Geschäftshaus am Leonhardsgraben in Basel. Die Fassade der Metalltüren wird durch die Anordnung von Dreiecksplatten durchbrochen, welche sich zu Pyramiden treffen.


In ihren Drucken führt Ruth Zähndler dieses Spiel mit dem Raum weiter. Das Serielle spielt in ihrer Arbeitsweise eine wichtige Rolle, wodurch die einzelnen Bilder zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die feinen Veränderungen und Unterschiede werden erst durch diese Reihung sichtbar und verstärken dadurch den Eindruck einer Entfaltung. Der dargestellte Polyeder wird durch die unterschiedliche Farbgebung respektive Setzung des Schattens zu einem sich progressiv im Raum entwickelnden Körper.


Durch die gekonnte Hängung und Platzierung der Werke in dieser Ausstellung werden die Anknüpfungspunkte der beiden Kunstschaffenden sichtbar und der über die Zeitgrenzen durch die Kunst geführte Dialog erfahrbar.


Christiane Klotz M.A., November 2018